Die Klanglandschaft des Riffs: Wie Geräusche Korallenlarven heimführen
Wer ein Unterwassermikrofon über ein lebendiges Korallenriff hält, bekommt alles andere als eine ruhige Aufnahme zu hören. Unter der Oberfläche zischt und knackt das Wasser wie brutzelndes Öl, durchsetzt von Grunzen, Zirpen und tiefen, dröhnenden Chören. Der größte Teil dieses Lärms stammt von Knallkrebsen und von Fischen, die in der Morgen- und Abenddämmerung rufen. Lange galt dieser Trubel als bloßes Hintergrundrauschen. Heute wissen wir, dass er eher einem Leuchtfeuer gleicht, an dem sich die kleinsten und verletzlichsten Riffbewohner orientieren, um über das offene Meer nach Hause zu finden.
Das Knistern eines lebendigen Riffs
Der beherrschende Klang der meisten tropischen Riffe ist ein anhaltendes, breitbandiges Knistern, das von Knallkrebsen erzeugt wird. Diese kleinen Krebstiere schließen eine spezialisierte Schere so schnell, dass eine kollabierende Blase entsteht, deren Knall im Verhältnis zur Körpergröße des Tieres außerordentlich laut ist. Multipliziert man das mit unzähligen Individuen, die im Riffgerüst verborgen sind, ergibt sich ein nahezu ununterbrochenes Prasseln. Darüber legen sich die Stimmen der Fische, von denen viele mit ihrer Schwimmblase oder durch das Aneinanderreiben von Zähnen Grunzen, Pulse und Klopflaute erzeugen. In der Morgen- und Abenddämmerung schwellen ganze Chöre an. Zusammen bilden diese biologischen Klänge eine akustische Signatur, die für einen bestimmten Lebensraum charakteristisch ist.
Warum Schall unter Wasser ein so gutes Signal ist
Schall verhält sich im Wasser ganz anders als in der Luft. Er breitet sich etwa fünfmal schneller aus und trägt über deutlich größere Entfernungen, und anders als Licht wird er weder durch Trübung noch durch die Dunkelheit der Nacht aufgehalten. Chemische Reize hingegen driften mit der Strömung und werden leicht verdünnt. Damit ist der Schall eine der wenigen Informationen über ein Riff, die ein weit draußen treibendes Tier überhaupt erreichen können. Eine Larve kann das Riff nicht sehen, kann es aus der Ferne nicht zuverlässig riechen und ist viel zu schwach, um gegen das offene Meer anzukämpfen. Doch hören kann sie das Riff im Prinzip lange, bevor sie es auf andere Weise wahrnimmt.
Wie Larven hören
Die meisten Rifffische beginnen ihr Leben als winzige Larven, die schlüpfen und ins offene Wasser hinaustreiben. Tage oder Wochen verbringen sie im Plankton, bevor sie zu einem Riff zurückkehren müssen, um sich niederzulassen und heranzuwachsen. Auch viele Korallen und andere Wirbellose besitzen ein driftendes Larvenstadium. Diese Tiere haben keine Ohren wie wir, aber taub sind sie keineswegs. Fische nehmen Schall über dichte Strukturen im Innenohr und über das Seitenlinienorgan wahr, ein System von Sinneszellen, das die feine Bewegung der Wasserteilchen registriert. Selbst in sehr kleiner Gestalt reagieren Larven empfindlich auf die Teilchenbewegung und die Druckschwankungen, aus denen sich Unterwasserschall zusammensetzt. Entscheidend ist, dass sie den besonderen Rhythmus und die Frequenz eines Riffs von der Leere des offenen Meeres unterscheiden können.
Ein Kompass aus Klang
Die entscheidende Entdeckung ist nicht bloß, dass Larven hören können, sondern dass sie auf das Gehörte reagieren, indem sie ihren Kurs ändern. In Wahlversuchen orientieren sich die Larven vieler Rifffische zu Aufnahmen von Riffgeräuschen hin, statt ziellos umherzuschwimmen. Gegen Ende ihrer Larvenphase, wenn sie bereit sind, sich niederzulassen, wird diese Anziehung besonders stark. Die Klanglandschaft wirkt offenbar als weitreichender Reiz, der Siedler aus dem umgebenden Wasser heranzieht, woraufhin feinere Signale wie Geruch, Licht und der Anblick eines geeigneten Lebensraums die letzten Meter übernehmen. Der Schall ist mit anderen Worten das erste Kapitel der Heimkehr, jener Teil, der wirkt, wenn nichts anderes das Tier erreichen kann.
Wenn das Riff verstummt
An dieser Stelle nimmt die Geschichte eine ernüchternde Wendung. Wird ein Riff durch Korallenbleiche, Stürme oder Überfischung geschädigt, verliert es nicht nur Farbe und Struktur. Es verliert einen großen Teil seines Klangs. Wenn die Fischbestände ausdünnen und sich die Gemeinschaft der kleinen Wirbellosen verändert, verblasst der biologische Chor, und das Knistern wird leiser und eintöniger. Ein geschädigtes Riff ist ein leiseres Riff. Für eine Larve, die sich bei der Wahl ihres Zuhauses auf den Schall verlässt, ist diese Stille selbst ein Signal, und ihre Botschaft klingt entmutigend: Hier gibt es kaum etwas, worauf sich das Siedeln lohnt. Weniger Siedler treffen ein, die Gemeinschaft tut sich schwer mit dem Wiederaufbau, und das Riff wird noch leiser. Stille ist in diesem Sinne nicht neutral. Sie kann Teil eines Rückkopplungskreises werden, der ein angeschlagenes Riff an der Erholung hindert.
Das Riff wird dem Meer vorgespielt
Wenn der Verlust des Klangs dazu beiträgt, Riffe in ihrem Niedergang gefangen zu halten, könnte die Wiederherstellung des Klangs helfen, sie herauszuführen. Forscherinnen und Forscher haben diesen Gedanken unmittelbar erprobt, indem sie Unterwasserlautsprecher auf Flächen abgestorbener oder geschädigter Riffe stellten und Aufnahmen gesunder Riffklänge abspielten. Dieses Vorgehen, mitunter akustische Anreicherung genannt, soll einen stillen Lebensraum wieder lebendig klingen lassen. Versuche dieser Art haben ergeben, dass mehr Jungfische auf Flächen ankommen und bleiben, die gesunden Riffklang aussenden, als auf gleichartigen stillen Flächen. Es ist kein Heilmittel gegen die eigentlichen Ursachen des Riffsterbens, und eine Klanglandschaft ohne lebende Korallen kann für sich allein keine Gemeinschaft tragen. Doch es zeigt eindrucksvoll, dass das akustische Signal wirklich mitbestimmt, wo sich junge Tiere niederlassen. Klang lässt sich als Lockmittel einsetzen und womöglich als Werkzeug, um einer Wiederansiedlung einen Vorsprung zu verschaffen.
Die Grenzen unseres Wissens
Es wäre ein Fehler, sich vorzustellen, dass jede Larve jeder Art auf dieselbe Weise nach dem Schall navigiert. Die Empfindlichkeit für Geräusche, die Entfernungen, über die sie eine Rolle spielen, und die genauen Frequenzen, die Siedler anziehen, unterscheiden sich zwischen Arten und Lebensstadien, und vieles davon ist Gegenstand laufender Forschung. Hinzu kommen neue Schwierigkeiten. Menschliche Aktivität hat das Meer lauter gemacht, und das Dröhnen von Booten, Schifffahrt und Bauarbeiten kann die natürliche Klanglandschaft überdecken oder die Reize verwirren, auf die Larven angewiesen sind. Zu verstehen, wie der natürliche Riffklang mit diesem zusätzlichen Lärm konkurriert, ist eine wichtige offene Frage, denn ein Riff, das von den falschen Geräuschen erfüllt ist, mag nicht anziehender sein als eines, das verstummt ist.
Warum die Klanglandschaft für den Schutz zählt
Riffen zuzuhören ist unauffällig zu einem der nützlichsten Werkzeuge der Meereswissenschaft geworden. Ein über Wochen ausgebrachtes Unterwassermikrofon zeichnet nicht nur die Anwesenheit von Tieren auf, sondern auch ihr Verhalten, ihre täglichen Rhythmen und den allmählichen Wandel einer Gemeinschaft, ohne dass jemals ein Taucher ins Wasser steigen müsste. Weil der Klang das Leben eines Riffs widerspiegelt, kann sein Reichtum als Maß für die Riffgesundheit dienen, als Möglichkeit zu hören, ob sich ein Ort erholt oder weiter zurückgeht. Für Tiere, die ihre frühesten und gefährlichsten Tage treibend im offenen Wasser verbringen, ist ebendiese Klanglandschaft der Unterschied zwischen dem Abdriften in die Leere und dem Finden eines Ortes zum Festhalten. Das Riff zu schützen heißt, seine Stimme zu schützen.
Auf der Karte
Jedes Riff auf dieser Seite besitzt seine eigene Klanglandschaft, geprägt von den Krebsen, Fischen und Strukturen, die dort leben. Nutze die interaktive Karte, um Riff- und Tauchplätze rund um die Welt zu erkunden, und stell dir das Knistern und den Chor vor, den eine vorbeitreibende Larve an jedem Ort hören würde. Zoome in eine Region hinein, folge der Küstenlinie und male dir die unsichtbaren akustischen Leuchtfeuer aus, die neues Leben zu jenen Riffen ziehen, die noch laut genug sind, um es herbeizurufen.